Stat-Nerds vs. Eye-Test-Jünger – der ewige Kampf

Tom Schneider von den Go-to-Guys hat es sich zur Aufgabe gemacht, zwischen zwei Extremen unter NBA-Fans und -Experten zu vermitteln. Wie und warum er das tut, lest ihr hier.

Wenig Diskussionen verhärten die Fronten der NBA-Welt so sehr wie die Frage: „Was muss ich tun, um Basketball analysieren zu können – die Stats wälzen oder einfach die Spiele gucken?“ Wie so oft findet sich in beiden Extrempositionen ein Fünkchen Wahrheit, allerdings gehen die Vertreter der beiden Seiten teilweise entschieden zu weit.

Um Basketball verstehen zu können, ist es unabdingbar, Basketball zu schauen. Dieser Satz ist jedem NBA-Fan bzw. -Experten oder sonstigem Verfolger eigentlich intuitiv vollkommen klar. Am besten lässt sich die Genialität eines LeBron James oder die Kaltschnäuzigkeit eines Luka Doncic immer noch nachvollziehen, indem man ihnen dabei zuschaut, wie sie Nacht für Nacht das Geschehen auf dem Platz dominieren.

Jedoch muss man sich auch eines bewusst machen: Nicht jeder NBA-Beobachter „schaut“ auf die gleiche Weise. Man kann sich die Spiele zum reinen Vergnügen anschauen, am besten in geselliger Runde, und sich dabei vom Geschehen unterhalten und manchmal sogar ein wenig berieseln lassen. Andere schauen vornehmlich mit dem Ziel zu analysieren, sie nehmen bestimmte Aspekte in den Fokus, versuchen jede Possession mitzudenken und spulen eventuell sogar zurück, wenn sie das Gefühl haben, ihnen sei gerade etwas entgangen. Diese Herangehensweise hilft vermutlich etwas mehr dabei, gewisse Erkenntnisse zu gewinnen, allerdings hat jede Art des Konsums zweifellos ihre Daseinsberechtigung und erfüllt für den Nutzer einen gewissen Zweck. Und auch der vermeintlich „analytische“ Blick auf das Geschehen schützt einen nicht davor, mehr zu verpassen als man tatsächlich aufnimmt. Betrachten wir beispielsweise folgende Szene:

Es handelt sich um ein simples PnR der Mavs, eine Szene, die man pro Spiel unzählige Male sieht und doch steckt in ihr unglaublich viel drin, das nach ein-, zwei- und möglicherweise sogar dreimaliger Betrachtung gar nicht alles erfasst werden kann.

Hier ein paar mögliche Überlegungen, die sich basierend auf dieser einen Szene anstellen lassen:

  • Luka Doncic wird von gegnerischen Defensiven mittlerweile so sehr gefürchtet, dass sie ihn lieber doppeln und jemanden offen stehen lassen = Superstar-Behandlung.
  • Das Spacing der Mavs ist so gut, dass die Eckenschützen (hier Porzingis und THJ) eng verteidigt werden.
  • Lonzo „All-Defense“ Ball rast hinter Brunson her (einem eher mäßigen Schützen) und überlässt die Zone seinen Hintermännern.
  • Ingram erkennt viel zu spät, dass er von der Weakside helfen muss und lässt Kleber gewähren.
  • Die Pelicans-Defense ist mit Favors als doppelndem Big langsam, switcht nichts und kommuniziert offenbar wenig.
  • Brunson zieht mit seinem Cut Ball geschickt aus der Zone, der Rest der Mavs weiß offenbar, wo er zu stehen hat.
  • Doncic wartet mit dem Ball geduldig, bis sein Roll Man den freien Weg zum Korb hat.

Diese Liste könnte man nun noch ein wenig weiterführen und weitere Vermutungen anstellen. Diese basieren auf Einzelbeobachtungen und lassen sich noch nicht ohne Weiteres verallgemeinern. In Echtzeit fällt einem vermutlich vor allem auf, dass Kleber frei zum Korb kommt, wenn man aufpasst, kommt hinzu, dass Ingram hier hätte helfen müssen. Es ist nun aber sehr schwierig bis nahezu unmöglich, die Einzelbeobachtungen in irgendeiner Weise wirklich gewinnbringend zu abstrahieren. Trifft Doncic immer so gute Entscheidungen? Ist die Pelicans-Defense wirklich so schlecht? Klebt Redick zurecht an THJ? Muss man Doncic wirklich doppeln? Wie gut ist Kleber als Roll Man? Diese Fragen lassen sich wohl erst zuverlässig beantworten, wenn man eine gewisse Menge an Spielen (beider Mannschaften) gesehen hat. An dieser Stelle können wir uns aber auch teilweise eines Instrumentes bedienen, dass viele Analysten mittlerweile für sich entdeckt haben: Statistiken.

Wenn wir uns diese Statistik von Bobby Karalla etwas genauer anschauen, dann sehen wir: Doncic ist einer der effizientesten Pick-and-Roll-Spieler der Liga. Um deutlicher zu werden: Ein Luka-PnR ist besser als die Offense von 25 Teams der NBA und garantiert nahezu erfolgreiche Offense. Auch die Frage nach der Pelicans-Defense ist schnell beantwortet: Diese befinde sich auf Platz 25 im Defensivrating und glänzen an diesem Ende des Feldes eher selten. Mithilfe vielfältiger Statistiken lassen sich nun einige Fragen schnell und aussagekräftig beantworten, jedoch hat auch der Datenstrudel seine Grenzen. Viele defensive Überlegungen, wie beispielsweise, ob man Doncic in dieser Szene oder grundsätzlich doppeln sollte, werden anhand von Statistiken kaum zu beantworten sein. Auch Aspekten wie dem Spacing eines bestimmten Spielers kann man sich mithilfe der Zahlen bestenfalls annähern. Wie oft ein Spieler

gute Entscheidungen trifft, lässt sich anhand seiner offensiven Effizienz erahnen, in welchen Bereichen er aber konkrete Schwächen vorzuweisen hat, kann man nach wie vor am zuverlässigsten mithilfe des Eye Tests ermitteln. Im Fall von Doncic sind es oftmals schwierige oder spektakuläre Pässe oder Lobs, die von seinen Mitspielern zu spät erkannt oder von der Defense gut antizipiert werden. Seine Verspieltheit und Kreativität lassen ihn gewisse Risiken eingehen, wobei festzuhalten bleibt, dass er dennoch in den allermeisten Fällen damit Erfolg hat.

Wir müssen uns eingestehen: Nur mit dem Zusammenspiel von Beobachtungen und Statistiken sind wir in der Lage das Geschehen wirklich zu durchdringen, nachzuvollziehen und verallgemeinerbare Aussagen zu Spielern, Teams oder dem Ligageschehen zu treffen. Bedauerlicherweise ist diese Erkenntnis noch nicht bei allen angekommen, die das Spiel besser verstehen und diskutieren wollen. Natürlich kann jeder seinen analytischen Anspruch selbst festlegen und nicht jede Diskussion muss mit knallharten Fakten geführt werden, allerdings sollte man sich darüber im Klaren sein, dass, wenn man sich fundiert und qualitativ wertvoll über die NBA austauschen möchte, sowohl ein intensiver Eye Test als auch das Betrachten der verfügbaren Daten sinnvolle Grundlage sein sollten. Wer davon ausgeht, „ein bisschen die Spiele zu gucken“, um sich wirklich schlau zu machen, denkt nicht weit genug. Denn man muss, wie bereits skizziert, sehr viel und bestenfalls intensiv beobachten, um überhaupt mitzubekommen, was auf dem Feld alles passiert. Andererseits ist es ebenso vermessen, dass man diese Beobachtungen eins zu eins ersetzen könne, indem man sich einige Zahlen zu Gemüte führt. Wenn ich anhand des ORtgs bei Basketball Reference sehe, wie effizient ein Spieler agiert, weiß ich noch immer wenig darüber, wie viel der Spieler von seinem Umfeld profitiert, welche Stärken er für diese Effizienz ausspielt, wo noch unausgeschöpftes Potenzial liegt, aus welchen Komponenten sich seine offensive Produktion zusammensetzt usw.

Dieses Phänomen wird auf die Spitze getrieben, wenn dann noch sogenannte All-in-One-Metriken verwendet werden, bei denen man ähnlich wie bei einer Black Box verschiedene Komponenten zusammenwirft, nach willkürlichem Ermessen gewichtet und am Ende eine Zahl ausgespuckt wird, die dann für bare Münze genommen wird. Die prominentesten Beispiele in dieser Hinsicht dürften wohl zum einen das PER (Player Efficiency Rating) sein, eine Zahl, die zwar Effizienz im Namen trägt, allerdings im Wesentlichen den Boxscore-Output pro Minute bemisst (sprich: eigentlich nur Volumen akkumuliert); zum anderen existiert das Real Plus Minus (RPM) von ESPN, das von vielen renommierten Personen verwendet wird, obwohl niemand die komplizierte Formel so wirklich nachvollziehen kann. Diese Geschichten entlarven sich insofern selbst als fehlerbehaftet, dass sie nicht nur oftmals merkwürdige Resultate bei einzelnen Spielern verursachen (Hassan Whiteside in den Top 10 bei PER, Denzel Valentine und Will Barton auf Platz 7 und 8 beim RPM), sondern auch strukturell gewisse Spielertypen bevorzugt werden (12 von 20 Spielern in den PER Top Rankings sind Big Men.

Deshalb ist es sehr zu empfehlen, sich bei der Verwendung von Statistiken vornehmlich auf transparente Metriken zu verlassen, bei denen man bestenfalls selbst in der Lage ist einzuschätzen, was diese Statistik konkret misst und wo möglicherweise die Stärken und Schwächen liegen. Wer auf Twitter wild irgendwelche beliebigen Zahlen postet (beliebt sind hierbei auch immer wieder die „Win Shares“), trägt zum Diskurs über Basketball ebenso wenig bei wie diejenigen, die alles, was aus Zahlen besteht, grundsätzlich verteufeln und sich einbilden, all dies selbst sehen und tracken zu können. Basketball ist eine zahlengeprägte Sportart (in der Regel 24 Sekunden pro Angriff, Punkte, Rebounds, Assist, Steals, Blocks, Turnover usw.). Durch die kleinschrittige Aufdröselung in einzelne Possessions (anders als beim Fußball, wo balldominante Teams über Minuten hinweg den Ball halten) lässt sich hier mit Statistik relativ viel des Geschehens einfangen, aber eben nicht alles. Diese Erkenntnis gilt es zu verbreiten, um hoffentlich zu einer angeregten, aufgeschlossenen Diskussionskultur in der wachsenden NBA-Community beizutragen.


Tom Schneider, Go-to-Guys.de

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