Schein und Sein in New York

Freitag, 06.03.2020. Es ist ein trüber Abend in Brooklyn, New York. Das Corona-Virus ist in der Wahrnehmung der Amerikaner noch ein Phänomen der alten Welt. Weit weg. In China. Oder in Europa. Nicht aber hier. Der Regen peitscht unaufhörlich gegen die Scheiben eines kleinen vietnamesischen Restaurants in der 5th Avenue. Das Essen ist hervorragend. Viele junge Menschen sind hier, eine hippe Gegend. Das Lokal befindet sich nur ein paar Meter entfernt vom Barclays Center. Fan der NBA bin ich zwar schon sehr lange, erst heute wird es aber Realität: Das erste Live-Spiel – gleich geht es los. Die San Antonio Spurs sind zu Gast bei den Brooklyn Nets. Sportlich ist das vielleicht nur Mittelmaß. Darauf kommt es heute aber auch gar nicht an. NBA! Live! Endlich selbst auf einem der Plätze in den Rängen sitzen.

In dicke Jacken eingepackt trotzen wir dem Wolkenbruch, stapfen hinüber zum Haupteingang des Barclays Centers an der Straßengabelung Atlantic Avenue / Flatbush Avenue und reihen uns hinten in der Warteschlange ein. Intros zum Spiel flimmern in Endlosschleife auf überdimensional großen LED-Außenleinwänden entlang und erhellen mit grellem Licht den dunklen Abendhimmel. Es regnet stärker. Um uns herum scharen sich zu meiner Überraschung unerwartet viele Spurs-Fans, mit Mützen und Schals, oftmals vom alten Logo der texanischen Franchise geziert. Endlich sind wir an der Reihe und werden in bester Flughafenmanier kontrolliert, ehe wir in das übersichtliche und offen gestaltete Foyer gelangen. Von einer grinsenden jungen Angestellten werden wir direkt abgefangen und uns wird ungefragt jeweils eine Bobblehead-Figur von Dr. J. in die Hand gedrückt. „It’s for free tonight!“ – ka-ching!

Nach diversen Problemen mit der Kommune aufgrund von Umweltbedenken, notwendigen Abrissarbeiten von Wohn- und traditionellen Gewerbeeinheiten, sowie der globalen Finanzkrise ab 2007, wurde die Baugenehmigung für die neue Heimat der Nets erst deutlich verspätet erteilt und die Multifunktionshalle schlussendlich anno 2012 nach zweijähriger Bauzeit fertiggestellt. Ursprünglich war die Eröffnung für das Jahr 2006 geplant gewesen. Aufgrund von vielen Sitzen mit Sichtbehinderung erhielt sie vom Business Insider die Auszeichnung der Arena mit den „möglicherweise schlechtesten Plätzen im nordamerikanischen Profisport“. 

Innen ist alles neu und modern – „industrial style“. Viel Schwarz, Glas, Beton. Schlicht. Funktional. Elegant, aber steril. Vielleicht cool. Wie die Nets es eben sein wollen. Es ist gepflegt und sauber. Und dunkel. Über ein Netz von Rolltreppen gelangen wir zu unseren Plätzen im Oberrang. Während unserer Fahrt dorthin rauschen wir auf den verschiedenen Ebenen geschmeidig vorbei an mobilen Merch- und Versorgungsständen. Popcorn 16 $, Dosenbier 17 $. Red Bull stellt die Limos. Wer sonst?

Wir nehmen Platz. Es ist dunkel, genau wie draußen. Vielleicht sogar noch etwas dunkler. So dunkel, dass das zu dieser Saison neu verlegte gräulich-milchige (und obendrein äußerst gewöhnungsbedürftige) Court-Design schon fast wie ein beißender Kontrast wirkt. Neben uns lässt sich ein norwegisches Pärchen nieder und nestelt direkt an seinen Smartphones herum. Vor uns nimmt eine Gruppe osteuropäischer Männer Platz. Der Bierpreis scheint sie nicht zu stören. Unter der Decke über uns hängen matt die Flaggen mit den Spielernamen der Vereinslegenden. Sie wirken dort etwas provisorisch, fast wie ein Fremdkörper. Kidd, Williams, Petrovic, Williamson, Erving. Hach!

Die Ränge füllen sich nur sehr behäbig, ehe der Tip-Off für ein erstes kleines Lebenszeichen in der Arena sorgt. Die Geräuschkulisse ebbt schnell wieder ab. Das Dribbeln des Balles, das bis in unseren Block 222 zu hören ist, wirkt fast stoisch. Es ist ruhig. Es ist dunkel. Vereinzelt tragen die Zuschauer Kappen der Nets, wie man sie auch in Deutschland zuhauf sieht und die oftmals eher als Modeaccessoire denn als Statement oder Bekenntnis getragen werden. Bei Punkten von Jarrett Allen rasselt immer ein spezieller Jingle durch die Halle, läuft sich aber tot. Es ist ruhig. Ob das nur der Mid-Regular-Season-Blues ist? Immerhin ist die Playoff-Teilnahme der Nets doch längst noch nicht in den fahlen Stein des Barclays Center gemeißelt. Während Spielunterbrechungen ertönen kurze musikalische Einspielungen von Notorious B.I.G. Hui! Identität, Brooklyn, hurra!

Der künstliche Red-Bull-Geruch liegt stetig, aber trotzdem penetrant in der Luft. Von der glitzernd-schillernden und stimmungsvollen NBA-Atmosphäre, wie sie einem schon zu hundertfach über tausende Kilometer über den Teich in das heimische Wohnzimmer transportiert wurde, scheint hier oben wiederum, nur ein paar Meter weiter, nicht viel anzukommen. Weiter unten in den Rängen wohl allerdings auch nicht.

Dann Euphorie! Julius Erving, Courtside anwesend, erhebt sich und winkt anmoderiert in das Rondell. Tatsächlich ein Highlight. Der Dr. und ich. Gemeinsam unter einem künstlich begrünten Dach. Zumindest für diesen einen Abend.

Caris LeVert legt heute das erste Triple-Double seiner Karriere auf. Von den Stühlen reißt das hier niemanden. Vielleicht haben es viele aufgrund ihres Selfie-Wahns auch gar nicht richtig mitbekommen. Wahrscheinlich kennen ihn die meisten nicht einmal. Die Nets spielen eine mehr als ordentliche Partie an diesem Abend, führen zur Halbzeit bereits 75:54, am Ende steht es 139:120. Heimsieg. Randnotiz. Es war das vorletzte Heimspiel des Teams aus Brooklyn vor der Corona-Pause. Der Rest der noch übrig gebliebenen 16.277 Zuschauer strömt nach dem Dröhnen der Schlusssirene über das weitläufige Geäst aus Rolltreppen und grauen Gängen wieder hinaus in die New Yorker Nacht. Auch wir. Mit Dr. J. als Plastikfigur in der Hand geht es mit der U-Bahn zurück nach Manhattan. Es regnet immer noch.

Sonntag, 08.03.2020. Während unseres NY-Trips steht am Abend der Besuch des zweiten Spiels auf dem Plan: New York Knicks vs. Detroit Pistons. Qualitativ noch mehr Mittelmäßigkeit – wenn überhaupt. Der Regen vom Freitag hat sich längst über den Atlantik verabschiedet. Bei milden Temperaturen stehen wir am „Entrance C“ der „World‘s Most Famous Arena“ und warten auf den Einlass. Der Madison Square Garden im Herzen von Manhattan. Die Abendsonne spiegelt sich an der riesigen kupfernen Außenfassade. Ein historischer Ort. Auch wenn der vierte MSG, hier an der Ecke 8th Avenue / 33rd Street „erst“ im Jahr 1968 eröffnete, wurde hier doch so manch legendäre Schlacht geschlagen. Nicht nur von Muhammad Ali, sondern auch von den Knicks.

Einlass – Moment! Das soll ein offizieller Eingang sein? Im Milieu eines gedrungenen, leicht verranzten Kellerseiteneingangs werden wir durchleuchtet und quetschen uns anschließend weiter ins Treppenhaus. Starker Andrang. Zu Fuß geht es nach oben. Dicht gedrängt. Die Menschen tummeln sich, treten sich zum Teil gegenseitig auf die Füße. Es ist Sonntag. Die Knicks spielen gleich gegen die Pistons – Not gegen Elend. Alle scheinen trotzdem euphorisch. Geschäftiges Treiben an den Ständen. Gedränge. An den Wänden hängen eingerahmte handschriftliche Notizen von Jeff van Gundy, signierte Trikots und Schuhe von Larry Johnson (natürlich game-worn). Historie, wohin man schaut. Kein Hochglanz, alles etwas abgegriffen, aber mit Charme und Charakter. Das beigefarbene Interieur scheint mal wieder einen frischen Anstrich gebrauchen zu können. Oder eben auch nicht. Die Besucher schieben sich weiter durch die Gänge. Blau-Orange, wohin man sieht. Und Beige. Die Farben harmonieren irgendwie.

Rein in die Arena. Wieder Oberrang. Überwältigend. Was für eine Architektur! Kein 08/15 von der Stange. Kein Schuhkarton. Ein verhältnismäßig flaches Oval, weitläufig und trotzdem kompakt wirkend. Wow! Die Decke mit den nach außen gefächerten Lamellen scheint alles zusammen zu halten. Sie hat schon viel gesehen. Die Sitze sind bequem, wenn auch leicht durchgesessen. Warm wirkendes Licht. Fast etwas Wohnzimmeratmosphäre. Unten das nostalgische Parkett. An den Kopfseiten die fetten NEW-YORK-KNICKS-Letter. Was für ein Blick! Auch in Block 209 fühlt man sich ganz nah dran am Geschehen.

Es geht los. Tip-Off! Top-Stars der Liga sind hier Fehlanzeige. Egal! Die Halle ist schon lange da. Orgelspiel. Defense! Defense! Endlich Seele. Dann ein Alley-oop-Anspiel von Elfrid Payton auf Mitchell Robinson, abgeschlossen mit einem Reverse-Slam-Dunk. Der Garden bebt auf. Es ist Sonntagabend, mitten in New York. Um was geht es hier eigentlich noch? Die Knicks standen vor dem Spiel auf Platz 13 der Eastern Conference. Abgeschlagen. Randnotiz. Die Knicks-Fans sind langzeitig erfolgsentwöhnt und dadurch hartgesotten. Die Leidenschaft der Arena springt über. Hier pulsiert Basketball. Das ist die NBA. Sportliche Authentizität und Event gleichzeitig. Das ist es.

Ein enges Spiel. Keine der beiden Mannschaften kann sich frühzeitig entscheidend absetzen. Mit der Schlusssirene zeigt der Videowürfel es mit einer pochenden Animation an: KNICKS WIN! 96:84. Gewonnen haben an diesem Abend nicht nur die Knicks, sondern auch ich. Meine NBA gibt es zum Glück tatsächlich. Nur noch besser.

Wir verlassen das altehrwürdige Gebäude auf der anderen Seite. Zufällig stolpere ich dabei über ein in den Boden eingelassenes Emblem zum Andenken an Patrick Ewing. Symbolisch. Geschichte und Ruhm springen einen hier förmlich an und möchten einen kaum gehen lassen. Hier könnte ich mich noch Tage aufhalten. Über die 8th Avenue laufen wir in dieser Frühlingsnacht zurück zu unserem Hotel in Richtung Times Square.

Angekommen.

Geplättet von Eindrücken.

Erstmal sacken lassen.

Die NBA. Ja, genau – das war sie.

 

Martin

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Sammo TTG
Admin
1 Monat zuvor

Sehr geiles Ding von Martin – gerne mehr davon! Wenn ihr auch mal Bock habt auf unserer Seite etwas zu veröffentlichen, dann schreibt einfach eine E-Mail an mail@ttg-podcast.de oder nutzt die üblichen Kanäle.

Last edited 1 Monat zuvor by Sammo TTG
lumpiii3
1 Monat zuvor

Sehr cooler artikel, find es interessant zu lesen wie es so mit Fankultur in den USA ist, da wir es hier ganz anders kennen.