Chicago Bulls – Gefangen im Niemandsland

Jahrelang forderten die Anhänger der Chicago Bulls die Entlassung der beiden Entscheidungsträger im Front Office, Gar Forman und John Paxson. Der Slogan „FireGarPax“ breitete sich in diversen Fanforen rasant aus. In der Windy City zierten sogar Billboards den Wunsch der frustrierten Fans. Doch wie kam es überhaupt zu diesem geballten Frust auf die beiden Männer? Wer hat wirklich Schuld an der anhaltenden Erfolglosigkeit der einst so glorreichen Franchise?
 


Eine Reise in die Vergangenheit

Jerry Reinsdorf, seit über 25 Jahren Besitzer der Chicago Bulls, hält nicht viel von Schnellschüssen und Harakiri-Aktionen. Mit Reinsdorf an der Spitze marschierten die legendären Bulls-Teams der 90er Jahre um Michael Jordan und Scottie Pippen zu insgesamt sechs Championships. Nach der letzten Championship im Jahr 1998 folgte jedoch der Zusammenbruch der Dynastie, an dem Reinsdorf durch diverse fragwürdige Entscheidungen einen nicht unbedeutenden Anteil hatte. 

Was danach folgte, kann man in die Kategorie „harte Zeiten“ schieben. Spielzeiten, in denen man unter 30 Siegen blieb, waren nun die neue Realität in Chicago. Die Post- Jordan-Ära war geprägt durch fragwürdige Entscheidungen und Transaktionen, welche die Franchise in die sportliche Bedeutungslosigkeit katapultierten. In der NBA-Draft 2001 sorgte GM Jerry Krause für Aufregung, als er Franchise Player Elton Brand für den zweiten Pick nach Los Angeles zu den Clippers tradete. Mit diesem Pick angelte man sich Tyson Chandler. Zudem zog man am selben Abend mit dem vierten Pick Eddy Curry. Beide Spieler sollten zu den neuen Säulen der Bulls werden, jedoch konnten sie die hohen Erwartungen nie erfüllen. Im Jahr 2003 folgte schließlich der Rückzug von Jerry Krause. Anstelle von Krause sollte nun ein ehemaliger Bulls-Spieler des erfolgreichen Teams aus dem ersten three-peat das Steuer übernehmen und die Franchise wieder auf Kurs bringen: John Paxson. 

Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelang dank kluger Draft-Entscheidungen von Paxson nun auch ein kleiner Turnaround. Paxson pickte u. a. Kirk Hinrich, Luol Deng und Ben Gordon, welche in den folgenden Jahren zu den sportlichen Protagonisten in Chicago zählten. Schließlich feierte man in der Saison 2004/05 endlich das langersehnte Comeback in den Playoffs. Eine entscheidende Wende bedeutete dies jedoch noch nicht. Die Chance dazu bestand während der Draft 2006. Jedoch erwies sich der Trade mit dem an Nummer 2 gepickten LaMarcus Aldridge für den 4. Pick (Tyrus Thomas) der Portland Trail Blazers als folgenschwer. Während Aldridge sich zum mehrmaligen All-Star und einem der besten Big Men der NBA entwickelte, wurde Tyrus Thomas seinem attestierten Potenzial nie gerecht und enttäuschte. Der Weg zurück zur sportlichen Relevanz sollte bis zum Jahr 2008 dauern, nachdem man trotz einer 1,7%-Chance die Lottery gewann und mit dem ersten Pick Hometown-Hero Derrick Rose als neuen Franchise Player in die Stadt holte.

Paxson sorgte indes für eine Änderung im Coaching-Bereich. Er ließ Scott Skiles beurlauben und installierte Vinny Del Negro als neuen Head Coach. Doch diese Beziehung sollte nicht allzu lange Bestand halten. Nach nur zwei Jahren im Amt folgte 2010 die Kündigung und Del Negro musste seinen Sitz räumen. Berichten zufolge war ein Streit zwischen Paxson und Del Negro derart eskaliert, dass Paxson ihn körperlich attackierte. Den negativen Schlagzeilen zum Trotz blieb John Paxson – mittlerweile als Vice President of Basketball Operations angestellt – der Franchise erhalten. Bereits ein Jahr zuvor hatte er seinen Posten als GM aber an den langjährigen Scout Gar Forman übergeben. Die Ära „GarPax“ hatte begonnen.
 

Back to glory?

GarPax verpflichteten Tom Thibodeau als Nachfolger von Vinny Del Negro und läuteten damit die erfolgreichste Zeit der Franchise seit dem Jordan-Rücktritt ein. Mit den späten Draft-Akquisitionen Taj Gibson und Jimmy Butler bewiesen Forman und Paxson ein glückliches Händchen. Beide entwickelten sich zu tragenden Figuren eines Bulls-Teams, welches Abend für Abend mit knallharter Defense zu überzeugen wusste und im Osten dabei nur an den neuformierten Miami Heat um LeBron James und Dwayne Wade scheiterten. Es schien alles angerichtet, um in den kommenden Jahren die langersehnte Larry O‘Brien Trophy wieder in die Windy City zurückzubringen. 

Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit der Franchise, als sich Derrick Rose im ersten Spiel der Playoffs im Jahr 2012 das Kreuzband riss. In den folgenden Jahren schaffte die eingeschworene Truppe rund um Defensivanker Joakim Noah zwar immer wieder Achtungserfolge, der große Coup sollte jedoch nicht gelingen. Aufgrund von zahlreichen weiteren Verletzungen konnte Rose nie mehr an seine Glanzzeiten anschließen, dafür gelang Jimmy Butler der Sprung in die Starriege der Liga. 

Im Sommer 2014 flirteten GarPax lange Zeit mit Carmelo Anthony, der sich jedoch schlussendlich für einen Verbleib in New York entschied. Als „Trostpreis“ lotste man Pau Gasol in die Windy City. Am Draftabend tradete man die Picks 16 (Jusuf Nurkic) und 19 (Gary Harris) für den 14. Pick nach Denver, mit dem man Sharpshooter Doug McDermott ins Boot holte. Diese Entscheidung sollte der Beginn von weiteren schlechten Entscheidungen sein, welche die Franchise immer mehr in einen tiefen Sumpf zogen. McDermott konnte sich nie konstant beweisen und wurde bald zu einem Wandervogel in der NBA. Nach einem ernüchternden Aus in den Playoffs gegen ein schwer angeschlagenes Cavs-Team trennten sich die Bulls von Coach Thibs. Die Spatzen hatten schon länger von den Dächern gepfiffen, dass sich Forman und Paxson mit Thibodeau überworfen hatten. Als Nachfolger präsentierte man den erfolgreichen College-Coach Fred Hoiberg. Mit ihm versprach man sich einen offensiven und schnellen Spielstil – „Hoiball“ sollte nun den Erfolg nach Chicago zurückbringen.

Younger and more athletic!?

In der ersten Saison mit Hoiberg verpassten die Bulls erstmals nach acht Jahren wieder die Playoffs. Schnell wurde klar, dass sich mit dem bestehenden Spielermaterial des alten Core die neue Spielidee von Hoiberg nicht umsetzen ließ. „Jünger und athletischer“ wollte man werden und die Zeichen deuteten auf einen Umbruch hin. Derrick Rose wurde zu den Knicks getradet, während Joakim Noah ihm als Free Agent nach New York folgte. Pau Gasol suchte sein Glück in San Antonio. Die Weichen waren gestellt, um die propagierten Worte von GarPax in die Realität umzusetzen. Als man als Ergebnis davon die alternden Rajon Rondo und Dwayne Wade präsentierte, staunten jedoch nicht wenige. 

Die Saison mit den drei Alphatieren Rondo, Wade und dem noch verbliebenen Butler entwickelte sich zu einer Seifenoper, in der diverse Aussagen sowie Instagram-Aktivitäten abseits des Parketts für mehr Unterhaltung und Aufsehen sorgten als der gespielte Basketball. Im Front Office wurde währenddessen weiter kräftigst danebengegriffen. Die Akquisition von Michael Carter-Williams sowie der Trade von McDermott und Taj Gibson für Cameron Payne und Joffrey Lauvergne mit den OKC Thunder waren ein weiterer Hinweis für die Planlosigkeit der handelnden Köpfe in Chi-Town.

Von Freunderlwirtschaft über Cash Considerations bis zum Rebuild

Die Zeit war nun endgültig reif für weitreichende Veränderungen. Wer jedoch glaubte, die Fehlgriffe und fragwürdigen Entscheidungen der letzten Jahre würden an den Stühlen von Forman und Paxson sägen, irrte gewaltig. Reinsdorf ließ mehrmals durchsickern, dass er die beiden Männer für die absolut richtige Wahl für die jeweiligen Posten in der Franchise hielt. Böse Zungen behaupten, dass die innige Freundschaft zwischen den Frauen von Reinsdorf und Forman eine Jobgarantie sicherten. 

In Fankreisen formierte sich indes immer mehr Gegenwind gegen das GarPax-Regime. Dies hatte zur Folge, dass Forman sich nahezu komplett aus der Öffentlichkeit und von Medienterminen zurückzog. Vielmehr wurde Paxson wieder präsenter denn je vor den Kameras und gab die weitere Marschroute vor, welche nun endgültig den Rebuild des sinkenden Schiffs bedeutete. 

Mit Jimmy Butler und dem eigenen Pick der 2017er Draft wurde der vermeintliche Franchise Player für den 7. Pick (Lauri Markkanen) sowie für Zach LaVine und Kris Dunn nach Minnesota geschickt. Dass am selben Abend noch der Pick der zweiten Runde – Jordan Bell – für „Cash Considerations“ zu den Warriors wanderte, erhitzte die ohnehin bereits strapazierten Gemüter der Bulls-Anhänger ein weiteres Mal. Die übriggebliebenen Veteranen aus dem gescheiterten Projekt des Vorjahres – Rondo und Wade – wurden im Zuge der Neuausrichtung folgerichtig gewaivet bzw. aus dem Vertrag freigekauft. 

Sportlich sah man nun die Möglichkeit, mit dem neuen und frischen Kern Hoibergs Spielphilosophie endlich auf das Parkett zaubern zu können. Für Aufsehen sorgten jedoch vielmehr die gebrochenen Knochen in Nikola Mirotics Gesicht nach einer Auseinandersetzung mit Team-„Mate“ Bobby Portis im Training Camp vor Beginn der Saison. Nachdem Mirotic einen Großteil der ersten Saisonhälfte pausieren musste, sorgte seine Rückkehr für eine akute Gefährdung des erhofften Top-Picks in der nächsten Draft. Somit tradete man den Spanier zur Deadline nach New Orleans und erhielt im Gegenzug deren Erstrunden-Pick. Die Saison endete mit einer Bilanz von 27–55 und einer semiglücklichen Draft Lottery, in der man auf Position 7 zurückfiel. 

Mit diesem Pick zogen die Bulls Power Forward Wendell Carter Jr., während GarPax in der Offseason mit der Verpflichtung von Chicago Native Jabari Parker wieder für fragende Blicke sorgte. Zudem stattete man Zach LaVine mit einem umstrittenen neuen Vertrag über vier Jahre und 78 Millionen € aus. Auf dem Hartholz ließ sich auch in der neuen Saison weiterhin kein erkennbarer Spielplan, Fortschritt oder eine Hierarchie im Team feststellen. Das hatte die Entlassung von Fred Hoiberg zur Folge. 

Als Nachfolger präsentierte das Front Office seinen bisherigen Assistant Coach Jim Boylen, der mit diversen diffusen Aussagen und fragwürdigen Trainingsmethoden in seiner ersten Woche die sportlich belanglosen Bulls in die Schlagzeilen katapultierte. Eine historische Niederlage gegen die Boston Celtics, mit einer Differenz von 56 Punkten, stellte den negativen Höhepunkt dar. Kurz vor der Trade-Deadline beendete man bereits wieder das Projekt Jabari Parker. Der ehemalige #2-Pick wurde gemeinsam mit Bobby Portis für Otto Porter Jr. zu den Wizards geschickt. 

Nach dem Ende einer turbulenten Saison und einer weiteren miesen Bilanz (22–60) blieb das Glück in der Lottery erneut aus. Abermals musste man sich mit dem 7. Pick zufriedengeben, mit dem sich die Bulls für Point Guard Coby White entschieden.

Die Zukunft

Die Geschichte der Bulls in diesem Jahrzehnt ist eine von vergebenen Chancen, fragwürdigen Entscheidungen, Pech und Missmanagement sowie Unprofessionalität in vielen Bereichen der Franchise. Ein erkennbarer Plan ist kaum ersichtlich, vielmehr wirkt alles dem Zufall überlassen. Da ändert auch eine von Experten solide anerkannte Offseason mit den Zugängen von Thaddeus Young und Tomáš Satoranský nichts am Gesamtbild. Die Erwartungen der Fangemeinde sinken kontinuierlich und teilweise macht sich bereits Resignation breit. Besitzer Reinsdorf scheint seine verdienten Dollar und Leidenschaft lieber in die Chicago White Sox (MLB) zu investieren. Da trotz der anhaltenden Erfolgslosigkeit der Trubel in Form von Ticketverkäufen und Merchandise weiterhin rollt, schien sich an der Pragmatisierung des Duos Forman/Paxson auch in Zukunft nichts zu ändern. Doch dann kam es glücklicherweise anders. Am 13. April diesen Jahres – mitten im Corona-Shutdown – entließ Reinsdorf seinen GM Gar Forman und degradierte John Paxson zum „internen Berater“. Der neue Mann an den Schalthebeln heißt nun Artūras Karnišovas. Was nun alles auf ihn zu kommt, wer er eigentlich ist und wie es unter ihm mit den Bulls weiter gehen könnte, erfahrt ihr in dieser Podcast-Episode von Dennis & Sammo.  
 
We ain’t talkin’ about practice, we talkin’ the game!
 
Stefan
 
 
 
Disclaimer: Die Meinungen und Sichtweisen unserer Gastautoren müssen sich nicht notwendigerweise mit unseren decken. Wenn ihr auch Lust habt über euer Team oder Basketball im Allgemeinen zu schreiben und eine passende Plattform sucht: Meldet euch bei uns. Wir sind immer offen für spannende Gastbeiträge. Schickt einfach eine E-Mail an mail@ttg-podcast.de.   
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Bennsen
Bennsen
3 Monate zuvor

Schöne Zusammenfassung und Übersicht über das Versagen einer Franchise über zwei Jahrzehnte. Die Erwartungen an den neuen GM sind enorm, so wie bei fast jeder Veränderung auf dieser Position innerhalb der letzten Jahre. Ich bin sehr gespannt ob sich die Erwartungen auf eine bessere Zukunft bestätigen oder ob ein weiterer GM an der Aufgabe zerbricht, die Bulls zurück zu altem Glanz zu führen.

Sammo TTG
Admin
3 Monate zuvor
Reply to  Bennsen

Das ist echt die Frage des Tages. Wie viel Freiheit werden Karnisovas und er neue GM haben? Wird ihnen reingeredet werden? Dürfen sie weitere Veränderungen anstoßen? Ich bin echt gespannt wie ein Flitzebogen.